Komm linder West laß deinen Athem spüren
Die Sulamith verlangt und seuffzt nach dir
Ihr Garten will Geruch und Schmuck verlieren
Drum finde dich mit Hold und Trost zu ihr.
Der strenge Nord bestürmet ihre Sinnen
Das Hertze wird als ein gefrornes Eiß
Die Hoffnung will nicht Blütt und Stock gewinnen
Die Andacht starrt die keine Flamme weiß.
Ein dürrer Ost entzieht die welcken Kräffte
Sein Blasen hemmt den frischen Perlen-Thau
Der trockne Staub verzehret Marck und Säffte
Manch Tugend-Blat erstirbt auff matter Au:
Offt muß sie auch den heissen Süd empfinden
Wenn Creutzes-Brand in Blutt und Adern wallt
Bey Mittags-Glutt will aller Schatten schwinden
Und sie verliert Mutt Anmutt und Gestalt.
Komm linder West laß deinen Athem spüren
Daß Sulamith die schwache wird ergözt
Ihr Garten wird viel neue Früchte führen
Wenn ihn durch dich ein Gnaden-Regen nezt.
Dein sanffter Hauch dein angenehmes Wehen
Besämet ihn mit Gott-beliebter Frucht
Das wilde Land wird sich verbessert sehen
Durch deinen Geist und Trieb anheimgesucht.
Komm linder West laß deinen Athem spielen
Daß sich bey uns der Glaub’ an GOtt entzünd.
Komm reiner Geist laß deine Regung fühlen
Daß sich die Brust von Liebe heiß befind.
O werther Gast zeuch ein mit deinem Worte
Komm finde dich mit deinen Gaben ein
Wir öffnen dir mit Lust des Hertzens Pforte
Und Seel und Geist soll deine Wohnung seyn.